Die Frauen aus Stein
KategorieGeschichten 
InhaltAm Portal einer Kathedrale irgendwo in der Mitte Europas standen sich zwei Frauen gegenüber. Zwei Frauen aus Stein. Die Gestalt der einen war aufrecht ihr Blick ruhig auf dem Kopf ruhte die Krone und in der Hand hielt sie ein Zepter als Zeichen ihrer Macht. Die andere hatte den Kopf gesenkt ihr Blick war auf den Boden gerichtet dorthin wo ihre Krone lag die Hände waren leer und ihr Gesicht traurig. So standen sie sich regungslos gegenüber Jahr um Jahr Jahrzehnt um Jahrzehnt Jahrhundert um Jahrhundert die siegreiche Kirche und die besiegte Synagoge.
Die Jahrhunderte lasteten schwer auf dem Rücken der besiegten Synagoge. Ihr heiliges Land war von fremden Mächten besetzt ihr Volk in alle Himmelsrichtungen zerstreut und ihre Lehre von den umliegenden Völkern verfolgt. Vielleicht hatte ihre Widersacherin die Kirche Recht? "Beuge dein Knie Synagoge" riet sie ihr täglich sei nicht widerspenstig komm unter meinen Schutz so will ich dich erlösen. Kaiser und Könige Mächtige und Schwache beten mich an dienen mir und weihen mir ihre schönsten Länder und größten Städte. Wie lange willst du noch widerstehen? Siehst du denn nicht in welch triumphalem Siegeszug ich die Welt erobere? Bist du mit Blindheit geschlagen? Du bist am Ende Synagoge und deine Lehre ist wertlos geworden. Folge mir beuge dein Knie.
Die Synagoge schwieg. Was sollte sie antworten? Die Kirche hatte recht. Täglich kamen Tausende und Abertausende Hohe und Geringe Prunkvolle und Armselige Aufrechte und Gebrochene zur Kirche weihten ihr ihre Herzen beteten sie an verehrten sie und ihre steinerne Krone strahlte wie pures Gold das mit Diamanten durchsetzt ist. Hingegen bedeckte der Staub der Jahrhunderte die Krone der Synagoge die so stumpf und aschfahl war wie das Gesicht ihrer Besitzerin. "Meine Beine sind müde mein Haupt ist schwer" dachte sie manches Mal wer tröstet mich die Trostlose? Die Synagoge schloß die Augen und dachte an vergangene Zeiten als Jerusalem noch ihr gehörte und der Tempel in der Mitte der Stadt stand. Aus allen Ecken und Enden pilgerte das Volk in die Davidstadt um Opfergaben darzubringen und dem Herrn zu dienen. Von allen Städten war Jerusalem die heiligste von allen Bauten der Tempel der heiligste und in das Herz des Tempels durfte nur einmal im Jahr am Versöhnungsfest der Hohepriester eintreten um für das Volk zu beten. Brutale Soldatenstiefel zerstörten das Gotteshaus legten Feuer in das Heiligste des Heiligtums raubten die goldenen Opfergefäße und zerstampfen die Stadt. In alle vier Himmelsrichtungen wurde das Volk zerstreut.
"Du hängst wieder den alten Träumen nach" weckte die Kirche sie aus ihren Gedanken finde dich mit der Wirklichkeit ab. Nach der Zerstörung des Tempels hat Gott den neuen Bund mit mir geschlossen und mich aus dem Nichts aufgerichtet. Sogar die starke Festung Rom hat er mir übergeben und die Römer die mich in der Arena ihren wilden Bestien vorwarfen beugen heute ihr Knie vor mir. Dich hat er verlassen. Du und dein Volk ihr habt seinen Weinberg schlecht bestellt ihr habt ihn nicht erkannt darum liegt Jerusalem brach und auf den zerstreuten Steinblöcken des Tempels wächst Unkraut. Du wirst deine Knie beugen wenn nicht heute dann morgen wenn nicht morgen dann übermorgen. Als die Synagoge das hörte wurde ihr graues Gesicht noch um eine Spur blasser.
Von Zeit zu Zeit kamen Besucher zur Synagoge. Verschreckte Gäste mit verhärmten Gesichtern und ängstlichen Blicken. Sie schlichen sich vor das Portal und schütteten ihr schweres Herz aus. In einer Neumondnacht stand ein junger Mann auf dem Platz vor der Kathedrale. Er war höchstens zwanzig Jahre alt sein lockiges dunkles Haar triefte vom Schweiß und außer Atem rang er nach Luft. Seine Schuhe waren von einer langen Wanderung zerrissen und unentwegt blickte er hinter sich ob ihn nicht jemand verfolgte. Zu Tode erschöpft lehnte er sich an den Kastanienbaum gegenüber dem Portal um sich von seiner großen Anstrengung ein wenig auszuruhen. Es war still nur die Blätter des Baumes raschelten und raunten. "Weswegen bist du so schnell gelaufen?" fragte eine Frauenstimme. Der junge Mann blickte sich erschrocken um. Niemand war in seiner Nähe. "Warum bist du so gehetzt?" hörte er noch einmal dieselbe Stimme fragen. Er schaute wieder in die Richtung aus der die Stimme kam und bemerkte nun die zwei Frauengestalten am Portal der Kathedrale. "Woher kommst du?" fragte die Synagoge zum drittenmal.
"Aus Nürnberg" antwortete der Mann.
"Und vor wem flüchtest du?"
"Die Pest wütet in Deutschland. Sie holt sich ihre Opfer aus allen Familien. Es sterben Kinder und Greise Vornehme und Geringe. In unvorstellbarer Zahl rafft der Schwarze Tod sie hin."
"Vor der Pest kann man nicht fliehen sie wird dich einholen" sagte die Synagoge.
"Ich weiß" entgegnete der Mann aber ich laufe nicht vor der Pest davon sondern vor den Menschen.
"Weswegen wollen sie dir etwas zuleide tun?" erkundigte sich die steinerne Frau.
"Weil ich Jude bin und die Christen behaupten die Juden hätten die Brunnen und Quellen vergiftet. So leiden wir doppelt unter der Pest. Wen die Seuche verschont wird erschlagen oder verbrannt. Auf dem Marktplatz von Nürnberg wurde ein großer Scheiterhaufen errichtet. Meine Mutter mein Vater und meine kleine Schwester hauchten in den Flammen ihre Seelen aus. Nur ich bin entkommen" und der junge Mann schlug die Hände vors Gesicht und weinte wie ein geschlagenes Kind.
"Weine nicht" sagte die Synagoge ich will dich mit den Worten des Propheten Amos trösten der prophezeite: >Denn ich will das Gefängnis meines Volkes Israel wenden daß sie sollen die wüsten Städte bauen und bewohnen Weinberge pflanzen und Wein davon trinken Gärten machen und Früchte daraus essen. Denn ich will sie in ihr Land pflanzen daß sie nicht mehr aus ihrem Lande ausgerottet werden das ich ihnen gegeben habe spricht der Herr dein Gott.< Lauf mein Sohn sagte die Synagoge lauf und suche mein Land. Wenn du es gefunden hast gib mir Kunde davon. Es vergingen Jahre und Jahrzehnte der junge Mann kehrte nicht zurück.
"Du mußt nicht warten er ist untergegangen so wie dein Volk langsam untergeht" sagte die siegreiche Kirche. "Beuge dein Knie und begib dich unter meine Herrschaft." Es verging ein Jahrhundert und noch eines der Machtbereich der Kirche wuchs sie wurde strahlender und schöner während das Haupt der Synagoge tiefer sank. Allein gelassen verharrte sie in ihrer stummen Ohnmacht.
An einem regnerischen Sommertag humpelte eine alte Frau mühsam auf den Platz vor der Kathedrale. Sie stellte sich unter den Baum damit er ihr ein wenig Schutz vor dem Regen böte. Aber der Baum hatte kein Einsehen mit ihr von seinen Blättern tropfte das Wasser auf das graue Haupt und die eingesunkenen Schultern. Sie war schmutzig ihr nasses strähniges Haar hing ihr in die Stirn und ein großer zerrissener Umhang hüllte den dünnen Körper ein. In der einen Hand hielt sie ein Bündel in der anderen einen abgebrochenen Ast auf den sie sich stützte.
"Siehst du" sagte sie zur Synagoge dies ist alles was mir geblieben ist.
"Woher kommst du?" fragte die Synagoge.
"Aus Segovia einer Stadt in Spanien. Tausend Jahre lebten meine Vorfahren dort. Wir hatten Häuser und Weinberge mein Bett war weich wie frischgeschorene Schafswolle und die Räume waren so groß wie Palastsäle. Im Garten wuchsen Bäume die die Vorfahren für mich gepflanzt hatten. Spaniens Sonne war meine Sonne Spaniens Luft meine Luft Spaniens Erde meine Erde."
"Und warum bist du aus Spanien fortgegangen?"
"Ich bin nicht fortgegangen ich bin fortgejagt worden weil ich mich nicht zur Kirche bekehren wollte. Wer sein Haupt nicht zur Taufe hinhielt mußte Spanien verlassen. Meine drei Söhne knieten nieder aber ich und mein Mann blieben aufrecht. Drei Tage weinten wir an den Gräbern unserer Vorfahren der Abschied von unseren Kindern und Enkeln zerriß uns das Herz aber wir beugten unsere Knie nicht. In der Nacht vor unserem Auszug holte mein Gatte deine Lehre hervor und sagte zu mir: >Wir sind wie Abraham und Sara. Gott sprach zu Abraham geh aus deinem Vaterlande und von deiner Freundschaft und aus deines Vaters Haus in ein Land das ich dir zeigen will.< So haben wir Spaniens Erde verlassen um in das Land zu ziehen das Gott seinem Volk Israel verheißen hat. Mein Mann ist auf der Reise an Entkräftung gestorben und ich irre umher und suche das Land."
"Wenn du es gefunden hast gib mir Kunde davon" rief die Synagoge ihrer Besucherin zu die müde mit geschwollenen Beinen den Platz verließ. Die Frau kehrte nicht wieder und ein Jahrhundert löste das andere ab. Der Kastanienbaum vor der Kathedrale wurde knorriger und schwächer bis er langsam abstarb und gefällt wurde. An seiner Stelle pflanzte der Gärtner einen Sprößling der zu einem starken und kräftigen Baum heranwuchs unter dem die Spaziergänger verweilten und die Kathedrale andächtig betrachteten. Ein junger Maler stellte seine Staffelei unter dem Baum auf und malte das Gotteshaus mit feinen Strichen und zarten Farben. Jahrelang arbeitete er an dem Bild jeder Stein jede Nische jeder Winkel der Fassade waren ihm vertraut. Der Maler erkannte das Wesen der zwei steinernen Frauen und in seinem Bild fiel ein Sonnenstrahl auf die siegreiche Kirche und hüllte sie in einen goldenen Schimmer ein und ihr Schatten verdunkelte die Gestalt der besiegten Synagoge. Je länger der Künstler die zwei Frauen malte desto mehr nahmen sie von seinem Herz Besitz und als er sein Bild vollendet hatte konnte er sich von den steinernen Frauen nicht lösen. Er widmete ihnen seine Kunst und hielt ihre Gestalt auf Hunderten von Bildern und Skizzen fest. Beide waren sie vollkommen die eine in ihrer Macht und Glorie die andere in ihrer Trauer und keine lebendige Frau hielt in seinen Augen den Vergleich mit ihnen stand. Die Jahre vergingen die Haare des Malers wurden weiß seine Zähne schütter und sein Augenlicht schwächer. Er kam nun nicht mehr täglich immer seltener stellte er seine Staffelei auf bis er eines Tages ganz wegblieb.
Und wieder vergingen Jahrzehnte die sich zu Jahrhunderten zusammenfügten. Die Kirche hatte es aufgegeben die Synagoge zu überreden und sie zum Kniefall zu bewegen. "Die Zeit erweicht alles sie wird auch die Hartnäckigkeit der Synagoge erweichen" dachte sie. Und wirklich im Laufe der Jahrhunderte legte sich ein Schatten über das Gedächtnis der Synagoge. Sie konnte sich nicht mehr erinnern wie der heilige Tempel ausgesehen hatte wie das Land und die Stadt waren aus der sie kam sogar die heilige Sprache begann sie zu vergessen. "Lange werde ich nicht mehr standhalten" dachte sie niemand kommt um mich zu trösten keiner findet mein Land und den Weg zu mir.
An einem Winterabend es schneite und die weißen Flocken leuchteten wie Diamantensplitter im Mondlicht auf dem stillen und friedlichen Platz vor dem Portal der Kathedrale kroch ein Mann auf allen vieren durch den Schnee. Sein Kopf war kahlgeschoren sein Gesicht ausgezehrt; seine Wangen eingefallen er sah aus wie ein lebendiges Gerippe. Sein ausgemergelter Körper steckte in einem gestreiften Sträflingsanzug seine bloßen Füße in Holzpantinen. Vor der Synagoge blieb er erschöpft auf dem Bauch liegen. Mit letzter Kraft drehte er sich um und blickte ihr ins Gesicht. Das Antlitz war totenbleich nur die Augen brannten wie blutige Kohlen. Er spuckte die Synagoge an. "Ich hasse dich" rief er ihr lautlos zu ich hasse dich. Zweitausend Jahre hielt mein Geschlecht in Liebe an dir fest wie innig waren unsere Gebete wie genau befolgten wir deine Gebote wie ehrfürchtig küßten wir die heilige Thora. Ich hasse dich Synagoge sie vergasen und verbrennen uns und du schweigst. Wo ist dein starker Gott wo war er als sie meine Kinder erschossen meine Frau verbrannt und meine Eltern vergast haben? Dein Volk lodert lichterloh und du bist still erbarmungslos still. In riesigen Gruben liegen die Gebeine sie vermodern und verfaulen und täglich werden neue daraufgeworfen und du schweigst.
"Erinnere dich an die Prophezeiung Hesekiels mein Sohn" sagte die Synagoge erinnere dich wie der Herr zu ihm sprach: >Menschenkind meinst du daß diese Gebeine wieder lebendig werden?< Und er sprach: >Herr das weißt du wohl.< Und Hesekiel sprach zu den Knochen: >Ihr verdorrten Gebeine höret des Herrn Wort siehe ich will Odem in euch bringen daß ihr lebendig werdet.<
Schweig Synagoge" weinte der Mann sie bringen den Odem aus den Gebeinen und du rührst dich nicht.
"So spricht der Herr" fuhr die Synagoge fort ich will eure Gräber auftun und will euch mein Volk aus denselben herausholen und euch ins Land Israel bringen.
"Warum bist du so verstockt Synagoge sie bringen uns in die Gräber sie löschen uns aus versteh doch in die Gräber" schluchzte der Mann.
"Und ich will meinen Geist in euch geben daß ihr wieder leben sollt und will euch in euer Land setzen und ihr sollt erfahren daß ich der Herr bin. Ich sage es und tue es auch spricht der Herr. Hörst du ich sage es und tue es auch."
"Du lügst Synagoge ich glaube dir nicht ich glaube dir nichts mehr" und der Mann hauchte seinen Geist aus.
Da erschütterte ein Schluchzen den Stein von innen heraus bis in die Tiefe barst er und die Synagoge war übersät mit Rissen. Sie sah aus als würde sie im nächsten Moment zu Staub zerfallen. Ihre Krone fiel vom Portal in den wäßrigen Schnee drei Finger brachen ab und in die Wangen wuschen die nassen Schneeflocken zwei tiefe Furchen. Trotzdem fiel sie nicht. Sie wankte und schwankte aber sie blieb stehen. Im Frühjahr nisteten Schwalben in ihren ausgehöhlten Augen ihr Haupt verunreinigten Tauben und ihr Inneres höhlten Insekten aus. Es vergingen der Sommer und der Winter und ein Jahr reihte sich an das andere. Gleichförmig verliefen die Tage im Sommer bummelten Bewunderer der Kathedrale vor dem Portal im Winter blickten beide Frauen auf den leeren Platz und kraftlos dachte die Synagoge an ihr schmähliches Ende.
Als der Kastanienbaum wieder blühte und ein süßer Duft über dem Platz lag spielte ein zarter Lichtstrahl mit den blinden Augen der Synagoge und ein leichter Wind legte sich wie ein Totengewand um ihre müden Glieder. Da kam ein Kind auf den Platz gelaufen es sprang hüpfte sang vor Freude und war so unbekümmert und glücklich wie ein Kind es nur an seinem Geburtstag ist. Es tollte auf dem Platz herum lief den Tauben und Spatzen nach rupfte Gräser aus der Erde und riß weiße Blüten vom Kastanienbaum ab die es zu einem Kranz zusammenflocht. Plötzlich sah es die beiden steinernen Frauen und erinnerte sich an etwas. Es stellte sich vor der edlen und aufrechten Kirche hin die die Jahrhunderte verschont und gestärkt hatten und bewunderte ihre Größe und Herrlichkeit. Es nahm seinen weißen duftenden Blütenkranz und legte ihn der strahlenden Frau zu Füßen. Danach schaute es auf die rissige Synagoge die aussah als würde sie bald endgültig zusammenbrechen und holte aus seiner Tasche einen kleinen perlengroßen Stein. Den legte es der erbarmungswürdigen Gestalt in die wunde Hand.
"Für dich Synagoge" sagte das Kind.
"Mein Kind welch eine vertraute Sprache höre ich."
"Den Stein habe ich aus der Tempelmauer in Jerusalem herausgelöst ich schenke ihn dir." Und es löste sich eine Träne von den toten Augen sie floß auf den Platz und verbreitete sich wie ein See und das Wasser stieg in die Höhe deckte beide steinernen Frauen zu und die Kathedrale versank im endlosen Meer. 
QuelleNetburger