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| |  | DIE GESCHICHTE VOM |  | | | | Übersicht / Geschichten | | | | |
| Beschreibung | | Kann als Geschichte für z.B. eine Morgenrunde verwendet werden | | | | Inhalt | Es lebte einmal ein kleiner Junge, der hieß Kannichnich. Das heißt, eigentlich besaß er einen anderen Namen, einen richtigen. Aber alle kannten ihn eben nur als den „Kannichnich“. Das hatte er sich selber zuzuschreiben. Denn seit frühester Kindheit hatte er sich angewöhnt, wann immer etwas auf ihn zukam, seine Arme zu verschränken, trotzig mit dem Fuß aufzustampfen, wütend die Augenbrauen zu senken und mit vorgeschobener Unterlippe zu grollen: „Das kann ich nicht!“ Das sagte er dann jeweils so schnell, dass mit der Zeit lediglich ein unverständliches „Kannichnich“ herauskam. Aber alle wussten, was gemeint war. Dann eilte irgendwer herbei und nahm dem armen Kleinen die Arbeit oder die Aufgabe ab. Das blieb auch so, als er älter wurde und längst nicht mehr so klein war.
Mit den Jahren war der Kannichnich wirklich davon überzeugt, dass er tatsächlich überhaupt nichts könne. Das ging solange gut, wie sich immer Leute bereit fanden, ihm zur Hilfe zu kommen, wenn er es nur wollte.
Alles war ihm zu schwer, zu unbequem, zu lästig und zu unangenehm. Zu nichts hatte er Lust, und nichts bereitete ihm Freude.
Eines Tages aber geschah etwas Merkwürdiges. Die Sonne war schon aufgegangen und stand hoch am Himmel. Kannichnich konnte einfach nicht früh aufstehen und hatte – wie gewohnt – den halben Vormittag verschlafen. Schlecht gelaunt war er aufgestanden und schlurfte barfuß durch sie Wohnung.
Auf dem Weg ins Bad kam er an einem großen Spiegel vorbei. Den hatte ihm irgendwer dort angebracht. Doch als er genau an der Stelle angelangt war, an dem sein Körper abgebildet wurde, hörte er plötzlich eine Stimme. Wie angewurzelt blieb er stehen. Was war das? Er war doch alleine hier! Da wieder! Ganz deutlich hörte er, wie ihn jemand beim Namen rief, bei seinem richtigen Namen. Den kannte er beinahe schon nicht mehr.
Er bekam Angst. Sie kroch kalt und eisig über seinen Rücken und ließ ihn zittern.
„Ja, bitte?“ , flüsterte er leise, „Wer ist denn da?“
„Schau mich mal an!“ erwiederte die Stimme, und sund sie kam ihm auf unheimliche Weise bekannt vor. „Schau hierher, schau in mein Gesicht, wenn du das wenigstens kannst, du Kannichnich!“
Da bemerkte er zu seinem maßlosen Erstaunen, dass sein Spiegelbild zu ihm gesprochen hatte, und am ganzen Körper bebend drehte er sich um und blickte seinem Gegenüber unsicher in die Augen.
„Höre genau zu!“, fuhr die Stimme fort, „Höre genau zu, was ich dir zu sagen habe. Ab heute will ich nicht mehr dein Spiegelbild sein. Ich gehe fort, denn ich bin es leid. Schau dich doch nur an! Deine Arme und deine Hände! Wie nutzlose Dinger hängen sie an dir herunter! Und deine Beine und Füße! Sinnlos tapsen sie herum! Dann die Augen und Ohren! Blind und taub sind die, zu nichts zu gebrauchen!
Nie hast du darüber nachgedacht, was du damit alles anfangen kannst.
Das kann ich nicht und das kann ich nicht, und das kann ich auch nicht! Mehr hast du nicht zu sagen, und mehr traust du dir nicht zu!
Ich will nicht mehr.“
„Aber was soll ich denn nur machen?“, kam die klägliche Antwort, „kann mir denn niemand helfen?“
„Ja, lass es nur immer die anderen machen. Immer die andern! Nur nicht du selbst!“, donnerte da der Spiegel. „Gib dir nur keine Mühe, und streng dich nur nicht an. Versteck dich nur weiter und gib acht, dass dir nur keine guten Gedanken kommen!“
Damit verblasste der Spiegel und verschloss sich wie eine feste Tür.
Da stand er nun und weinte bittere Tränen. Traurig schaute er an sich herunter und betrachtete sich von oben bis unten, wie es eben ohne Spiegelbild möglich ist. Das, was er nicht sehen konnte, ertastete er mit seinen Händen. Ihm wurde klar, wie abenteuerlich und spannend das Leben und wie dumm und lächerlich der Name „Kannichnich“ war. Und plötzlich begriff er, was alles noch in ihm steckte, und was er noch alles entdecken musste. Da zog er sich in Windeseile an und fühlte sich wie neugeboren.
Er konnte gar nicht genug erleben. Hätte er nur früher geahnt, wie schön und aufregend es ist, neue Dinge auszuprobieren, zu erkunden, zu helfen, zu verstehen und zu erforschen! Aber es war noch nicht zu spät.
Mit großen Schritten stürmte er in den Tag und gewann Stück für Stück sein Spiegelbild zurück. Als er später einmal auf dem Weg ins Bad an ihm vorüberging, war es ihm, als hätte es ihm zugelächelt. Aber er wusste, dass es sein eigenes Lächeln war, das er mit dem neuen Leben neu gewonnen hatte.
| | | | Quelle | | ? | | | | Eingetragen am 26.5.2005 | | | | Bewertungen | | Leider noch keine Bewertungen | | | | | Kommentare zu diesem Material | | Leider noch keine Kommentare |
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