MyYaDooDaInternFroumDokumenteKochenBesinnlichesProgrammGästebuchLinksBibliothekLiederUnterkünfteSpiele
Hier bitte einloggen.
Hier kannst Du dich anmelden.
myPIX.com DE
YaDooDa - Startseite
Momentan sind 0 User online.Du bist nicht eingeloggt.
Materialien Morgenrunden Gottesdienste Suche Hinzufügen
 
Zum vorherigen MaterialDIE DREHSäULE DER VIELEN WüNSCHEZum nächsten Material
 
Übersicht / Geschichten
 
 
Inhalt
In D. muß ich umsteigen. Der Anschlußzug kommt erst in zwanzig Minuten. Der Bahnsteig ist naßkalt und es zieht. Ich drücke meinen karierten Wollschal gegen die Kehle. Wenn ich heute abend noch bei Stimme sein will muß ich heraus aus Wind und Wetter. Vielleicht in die Bahnhofsgaststätte?
Die Wirtschaft ist voller Gäste und Tabaksqualm. Auch Gift für meine Stimme. Ich gehe in die Schalterhalle des Bahnhofs. Irgendwo muß doch eine ruhige Nische sein.
Da stehe ich vor einer mannsdicken Säule die mit bunten Karten bedeckt ist und sich langsam dreht. Eher gelangweilt als wißbegierig lese ich einige Kartenaufschriften:
"Kartenlegerin Münsterstraße nachweisbar gute Referenzen bis hin zu Bundespolitikern und Industriemagnaten nur nach telefonischer Absprache Preis 20 Mark bei einfachen Konsultationen bei Vorhersagen auf dem Gebiet des Liebeslebens 80 Mark ..." - "Wer tauscht mit mir Frauenromane leichte Lektüre?" - "Die Original-Sorgenbrecher erstklassige Zwei-Mann-Kapelle mit Konzert-Violinharfe." - "Zeugen gesucht. Wer sah den Autounfall am Montag 19. Dezember auf der Ruhr-Allee B 1 Richtung Unna! VW Golf gegen Opel Commodore gelb-schwarz?" - "Kostenlose Jagdgelegenheit in nordhessischem Revier wird einem vertrauenswürdigen Jäger aus D. geboten. Der Beständer erwartet Hilfeleistungen bei gelegentlichem Home- bzw. Hundesitten bei Rauhhaardackel."
Eine dürre Gestalt drängt neben mir an die Drehsäule. Der hagere alte Mann geht ganz dicht an die Schriftkarten heran nimmt seine dickglasige Brille ab und hält sie wie eine Lupe vor die Offerten. Jetzt zuckt er mit den Schultern. "Wieder nichts dabei" sagt er.
Ich will mich nicht in die Angelegenheit des Mannes mischen und trete einen Schritt von der Drehsäule zurück. Da spricht mich der Dürre unmittelbar an: "Für mich ist wieder nichts dabei! Denken Sie mal an für so eine leichte Stellung meldet sich niemand. Und das bei den heutigen Zeiten. Da müßte sich doch wer finden! Ein Arbeitsloser zum Beispiel."
"Um was geht es denn?" frage ich.
"Da die rote Karte. Das ist meine."
Ich lese laut: "Kegelschwestern gesucht ab 60 Jahre Club "Rund ums Vorderholz" alle 14 Tage in Wellinghofen ..."
"Nein nein das nicht. Die andere rote Karte rechts oben" unterbricht der Dürre.
Da steht: "Vorleser und Vorsinger für Heiligabend und die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr gesucht. Angemessener Stundenlohn. Wenn Sie interessiert sind lassen Sie auf meine Kosten eine Antwortkarte mit Ihrer Anschrift an die Drehsäule heften. Adalbert Stockmann."
"Ich heiße Stockmann" sagte der Dürre. Und in einem Atem redet er weiter: "Nicht eine einzige Antwort. Vorleser und Vorsänger das gab’s zu meiner Kindheit wie Sand am Meer. Und jetzt? Können doch alle lesen und schreiben die Leute heutzutage! Da könnte sich doch ein Gymnasiast gut ein paar Mark dazuverdienen zu seinem Taschengeld!" Der magere Stockmann sieht verzweifelt aus. Verzweifelt und betrübt zugleich.
"Können Sie denn selbst nicht lesen?"
Herr Stockmann tippt an seine dicken Brillengläser hinter denen seine Augen groß und erschrocken aussehen. "Ich kann nur noch auf einem Auges sehen links zwölf Prozent nur noch. Ich kann gerade noch erkennen daß Sie einen braunen Wintermantel anhaben - ist doch Wildleder nicht? - und einen Backenbart tragen. Aber das Lesen - das ist bei mir schon seit Jahren vorbei."
"Und wie wäre es denn mit einer Schallplatte? Oder Kassette? Viele Bücher sind schön ..."
"Das ist nicht das richtige!" ruft Herr Stockmann. "Das ist Tonkonserve. Ich will einen leibhaftigen Menschen zu Festtagen um mich herum. Der mir vorliest und vorsingt und mit dem ich dann anschließend über das Vorgelesene und Gesungene sprechen kann. Wird natürlich auch bezahlt die Zeit in der wir miteinander reden."
"Leben Sie allein" fragte ich zögernd.
"Ja" sagte Herr Stockmann. "Aber Sie - Sie haben doch sicher Familie?"
Ich gerate ins Stottern. "Nein - ja ich habe zwei Kinder - und eine Frau - das heißt ich lebe nicht bei Klara bei meiner Familie meine ich - wir haben uns getrennt - erst kürzlich."
"Verstehe" sagt Herr Stockmann. "Traurige Geschichten gibt es da. Die Zeit und die Menschen werden flüchtig fliehen zu schnell. Vor den anderen. Vor sich. Sollten sich mehr festhalten die Menschen heute."
"Vielleicht haben wir uns zu fest gehalten meine Frau und ich."
"Auch möglich" sagt Herr Stockmann. "Aber wo wollen Sie denn hin an Heiligabend?"
"Zu einer Weihnachtsfeier. Wagner-Verein. Ich muß da singen und rezitieren. Bin Baßbariton."
Ruckartig richtet Herr Stockmann seinen Blick auf mich. Die dicken Gläser funkeln. "Dann sind Sie mein Mann?" sagt er laut und entschlossen. "Sie sind angeheuert!"
Und Herr Stockmann streckt mir die Hand hin.
Ich schiebe meine Hände demonstrativ in die Manteltaschen. "Unmöglich" sage ich. "Das ist eine feste Verpflichtung heute Abend. Mein Name steht auf dem Programm auf den Plakaten."
"Ich meine ja nicht heute Abend. Ich meine die Tage danach. Erster und Zweiter Weihnachtstag und so fort."
"Nein" sage ich. "Bin schon vergeben."
"Vergeben" Wo Sie doch nicht zur Ihrer Frau und den Kindern gehen?"
"Unser Opernspielplan läuft auch über Weihnachten und Silvester" sage ich nachsichtig. "Ich bin kein Amateur. Ich bin im Engagement. Und dann ist da - eine andere - Bindung."
"Was?" fragt Herr Stockmann erstaunt. "Kaum sind Sie von Ihrer Familie weg da wollen Sie schon wieder - das heißt mich geht es ja eigentlich nichts an wie schnell Sie Bekanntschaften ..."
"Da haben Sie völlig recht Herr Stockmann" sage ich und bin über mich verärgert weil ich so viel von mir erzählt habe. Ist sonst nicht meine Art.
"Also Herr Stockmann dann wünsche ich Ihnen frohe Festtage" sage ich förmlich und will gehen.
"Halt. Bleiben Sie bitte!" ruft Herr Stockmann. "Singen Sie hier. Ein Lied wenigstens. ein Weihnachtslied. Aus Ihrem Repertoire."
"Hier. In der Schalterhalle?"
Ich blicke mich um. Einzelne Menschen huschen von den Fahrkartenschaltern zu den Bahnsteigen oder aus der Schalterhalle hinaus unter den Armen zusammengebundene gefesselte Tannen und Pakete.
"Warum nicht hier?" fragt Herr Stockmann.
Warum eigentlich nicht. Hier zieht es nicht. Und wenn ich mich nicht anstrenge gewissermaßen mit halber Stimme singe ..... Und dann hat Herr Stockmann wenigstens einen Teil seines Weihnachtswunsches erfüllt bekommen.
"Ich habe nur mittelalterliche Weihnachtslieder einstudiert wie Es kommt ein Schiff geladen bis an sein höchsten Bord ... sage ich fast entschuldigend.
Herr Stockmann nicht nur. Und schluckt.
Ich singe. Und während ich singe bleiben einige der eiligen Fahrgäste stehen kommen näher an mich heran. Eine Gruppe von Gastarbeitern dabei zwei Kinder. Die Menschen bilden einen Halbkreis um mich. Zwei Bahnhofspolizisten schlenderten heran. Sie sehen den geordneten Halbkreis. Die Sache hat seine Ordnung. Wo Ordnung herrscht braucht man nicht einzuschreiten. Die Polizisten hören entspannt zu. Ich singe die zweite Strophe die dritte die letzte. Es gibt Beifall. Jemand ruft: Zugabe! War es Herr Stockmann?
Aber nein Herr Stockmann tritt jetzt vor das Publikum macht eine Verbeugung und sagt: "Der Herr Baßbariton hat uns mit seiner Stimme erfreut. Jetzt will ich meine Gabe dazutun. Ich habe nämlich in meiner Jugend einen Kurs mitgemacht und bin dann oft bei Betriebsfeiern hervorgetreten."
Herr Stockmann beginnt einen Steptanz. Erst langsam. Dann beschleunigt er. Dreht sich um sich selbst. Seine Absätze und Schuhspitzen klappern auf dem Steinboden der Bahnhofshalle. Herr Stockmann tanzt gut. Fast professionell. Ein Abglanz von Fred Astaire.
Aber jetzt zerbröckelt die Menge der Zuschauer. Steptanz scheint am Heiligen Abend nicht das richtige. Warum eigentlich nicht? In Bethlehem werden auch einige Besucher getanzt haben vor der Krippe vor dem Stall. Heute noch setzt man dort eher Gefühle in Tanz um in spontane Bewegung als bei uns.
Aber Herr Stockmann ist jetzt ohne Zuschauer. Auch die Bahnhofspolizisten haben sich abgedreht und schauen ob nicht jemand in der Halle ist der Bahnhofsverbot hat.
Herr Stockmann tut mir leid. Er macht noch ein paar Stepschritte schlackert mit den Armen ... und dann steht er starr und vornübergebeugt da.
"Kommen Sie doch mit zu der Weihnachtsfeier" sage ich zu Herrn Stockmann. "Da hören Sie das ganze Programm. Da wird noch mehr gesungen. Und auch vorgelesen. So ganz wie Sie’s auf dem roten Kärtchen gewünscht haben."
Herr Stockmann hebt kaum merklich den Kopf.
"Und vielleicht" sage ich - und erschrecke etwas dabei - "und vielleicht gehe ich anschließend doch noch zu Klara - und zu den Kindern - und nehme Sie mit wenn Sie wollen. Nur wenn Sie wollen?"
Ich schaue auf die Bahnhofsuhr. "Uns bleiben nur noch vier Minuten Herr Stockmann."
 
Quelle
Netburger
 
Stichworte
Fest, Feiern, Weihnachten, Versöhnung, Einsamkeit
 
Eingetragen am 29.12.2002
 
Bewertungen
Leider noch keine Bewertungen
 
Kommentare zu diesem Material
Leider noch keine Kommentare
 
 
Kommentieren
Bewerten
Druckansicht
Gibt es hier auch Geschichten (mit einem wahren geschichtlichen Hintergrund)? Z.B. uber irgendeine grosse Personlichkeit. Ich ware daran interessiert :)
Warum kann man keine Abendrrunden eintragen / anschauen?
Impressum
Kontaktformular
DPSG Frommern